Blue Yearbook 2011

Blue Yearbook 2011

Interview with Billy Smith, responsible for the product development of wetsuits at Patagonia, about the negative effects of neopren on our environment.

 

„Surfer belasten die Umwelt – egal, wie viel Müll sie aufsammeln!“

Text: Jens Steffenhagen

 

Billy Smith, Wetsuit-Entwickler bei Patagonia, erklärt im aktuellen BLUE Surf & Travel Magazine((bitte link zu: http://www.bluemag.eu/surfmagazin/blue-yearbook-2011)), wie giftig die Produktion eines Wetsuits ist und warum es keinen wirklich „grünen“ Neoprenanzug geben kann.

 

Billy, du beschäftigst dich seit Jahren mit der Entwicklung von Wetsuits. Erklär doch bitte mal, was Neopren eigentlich ist!

 

Neopren gehört zur Familie der synthetischen Kautschuke. Für die meisten Wetsuits wird Neopren aus Petroleum oder Kalkstein benutzt. Der Grundstoff wird aus Polychloropren-Kautschuk-Chips hergestellt. Diese werden geschmolzen und zusammen mit schaumbildenden Stoffen in einem Ofen gebacken. Ein Neoprenanzug ist also aus geschäumtem Gummi, wie ein Schwamm. Dieses Gummi wird meist auf Polyester oder Nylon laminiert. Die einzelnen Stücke werden dann verklebt und/oder vernäht, die Nähte wiederum abgedichtet, um Wassereintritt zu verhindern.

 

Die meisten Menschen können sich die Umweltbelastungen vorstellen, die von Erdöl ausgehen. Die Sauerei beginnt mit der Ölförderung. Dann folgt der Transport, der manchmal zu verheerenden Katastrophen führt – man denke an die Ölpest in Alaska, die durch die Havarie der „Exxon Valdez“ hervorgerufen wurde.

 

Verwendet man Kalkstein für die Neopren-Herstellung, hat man es mit anderen, aber ähnlich gefährlichen Umweltbelastungen zu tun. Wie Öl ist auch Kalkstein eine nicht nachwachsende Ressource, die aus der Erde gewonnen wird. Für die Förderung braucht man dieselbetriebene Anlagen, Kräne, Bagger und Lastwagen. Der gebrochene Kalkstein wird in einem Ofen bei extrem hohen Temperaturen in einem energieintensiven Prozess erwärmt – eine gigantische Ressourcen-Verschwendung. Der einzige Vorteil des Kalksteins ist, dass es durch den Transport nicht zu einer flächendeckenden Verschmutzung im Stile einer Ölkatastrophe kommen kann.

 

Die meisten großen Hersteller haben mittlerweile einen „grünen“ Neo in ihrer Produktlinie. Was sind die Gemeinsamkeiten, was die Unterschiede?

 

Ganz generell gesagt: Es gibt keinen „grünen“, also ökologisch unbedenklichen Neoprenanzug. Und: Surfer belasten mit ihrem Hobby die Umwelt – ganz egal, wie viel Müll sie am Strand aufsammeln. Boards und Wetsuits bestehen aus ein paar der toxischsten Materialien, die wir kennen.

Zur Neopren-Herstellung benötigt man zum Beispiel Chlor. Polyester und Nylon-Gewebe werden aus Erdöl hergestellt. Die Kniepads sind häufig aus PVC. Und die verwendeten Klebstoffe enthalten gefährliche Lösungsmittel. Einige Firmen verwenden Bambus oder Mais für die Neopren-Herstellung. Das klingt toll – ist aber ebenfalls ökologisch bedenklich: Für die Verarbeitung von Bambusfasern benötigt man üble Lösungsmittel, die die Luft und das Wasser belasten. Der Mais, aus dem die Polymilchsäure-Faser (PLA) produziert wird, stammt aus gentechnisch verändertem Saatgut. Gedüngt wird er mit Pestiziden, die über die Flüsse ins Meer gespült werden.

 

Der Stand unserer Forschung sieht im Moment so aus:

 

Neopren: Wir haben keinen befriedigenden Ersatz für Neopren gefunden. Daher muss es das Ziel sein, dieses Material so sparsam wie möglich einzusetzen. Weniger Gummi bedeutet weniger Erdöl / Kalkstein / Chlor – und natürlich eine größere Flexibilität.

Polyester: Wir müssen mehr Recycling-Polyester verwenden. Durch die Verwendung von recycelten Materialien reduzieren wir den Bedarf an Erdöl.

PVC: Dieser Stoff enthält giftige Weichmacher und Zusätze. Man kann die Kniepads der Anzüge stattdessen auch aus sehr dichtem Nylongewebe herstellen. Beim Druck sollte man auf PVC-freie Farben achten.

Kleber: Noch immer ist kein von Lösungsmitteln freier Kleber auf dem Markt, der stark genug wäre, hunderte von Sessions auszuhalten. Dies ist ein wichtiges Ziel unserer Forschung.

Qualität: Der wichtigste Punkt. Hält ein Wetsuit lang, wird weniger Abfall produziert. Bevor man ihn wegwirft, sollte man überlegen, ob eine Reparatur nicht ausreicht. Bei Patagonia nennen wir das die vier Rs: reduce, re-use, repair, recycle. Aus alten Neos kann man Bier-Kühler, Finnen-Schutz oder Liegematten herstellen.

 

Welche Neuerungen erwarten den ökobewussten Kunden in naher Zukunft?

Die Wörter „öko“ oder „grün“ werden überstrapaziert. Meist dienen sie lediglich als Verkaufsargument. Man muss es realistisch sehen: Jede Firma produziert Abfall und Luftverschmutzung. Unser ganzes Wirtschaftssystem basiert auf diesem Prinzip. Es ist nun mal eine endliche Welt, aber kaum ein Ökonom wird das so deutlich sagen. Stattdessen heißt es: Kauft! Doch wir müssen wegkommen von einem System, das ausschließlich auf Konsum basiert. Auch wenn das volkswirtschaftlich heikel ist – die Konsumenten müssen ihr Verhalten ändern und sparsam mit Ressourcen umgehen. Und das wäre dann wahres Ökobewusstsein.